Seltene Genüsse. Kein Handyempfang am Berg. Mit dem Lavanttal hat Kärnten ein genussvolles Sehnsuchtsziel im Süden.
Um runterzukommen, heißt es rauf fahren. Zumindest in der Slow Food Travel Region Lavanttal im Osten Kärntens, direkt an der Grenze zur Steiermark. Es ist ein großes Tal, mit vielen Hügeln, kleinen Städten, Höfen in Alleinlage, Hütten mit Weitblick und Weinreben auf der Sonnenseite. Die Menschen fühlen sich hier stark mit ihrer Heimat verbunden und gelten als Bewahrer seltener Genüsse. So wachsen in den Gärten noch alte Obstsorten, wie der Bananenapfel. Das ist keine exotische Kreuzung, sondern eine Apfelsorte mit dem Aroma einer Banane. Traditionell wird daraus Apfelsaft und Most hergestellt. Dafür ist die Region längst bekannt. Aber bei einer Reise durch das Tal begegnen einem noch mehr Raritäten.

Wer dem Erzwanderweg folgt, kommt beim Biohof Jörglbauer vorbei. Das ist einer von vielen Betrieben, die von jungen Heimkehrern übernommen und mit neuen Ideen auf sich aufmerksam machen.

Ergotherapeutin Barbara Schwar baut die Tiere am Hof in ihre Arbeit ein und bildete die Therapiehühner Kordula und Samira in einem Chicken-Camp aus. Ihr Mann Johannes ist verantwortlich für die schwarzen Dexter-Rinder, die ein Stockmaß von einem bis eineinhalb Meter erreichen. Fast galt die kleinste Rinderrasse Europas als ausgerottet, aber im Lavanttal wird sie noch gezüchtet und verarbeitet – nach der from-nose-to-tail-Philosophie. „Das bedeutet, wenn wir ein Tier schlachten, verwenden wir so gut wie alles davon“, erklärt der Jungbauer.

Das Fleisch wird direkt verkauft oder von ihm selbst verarbeitet, zum Beispiel zu biologischen Frankfurtern. Diese bestehen aus Rindfleisch, Sonnenblumenöl und Gewürzen. Deshalb haben sie eine ungewohnte graue Farbe. Geschmacklich sind sie hervorragend. „Man muss die Menschen kosten lassen, dann merken sie den Unterschied.“ Aus dem Rindertalg wird dann Seife, das Horn zu Schmuck. Nichts wird verschwendet. Einer von vielen Punkten, die Slow Food auszeichnet.

Gut, sauber und fair soll Slow Food erzeugt werden. Doch es steckt noch mehr dahinter. Es geht um ein wertschätzendes Miteinander, einen bewussten, nachhaltigen Umgang mit Nahrungsmitteln und Ressourcen. Für viele ist es eine Lebenseinstellung, eine Selbstverständlichkeit. „Wir am Hof haben schon immer danach gelebt, kannten aber lange den Begriff Slow Food nicht“, sagt Schwar. Jetzt ist das anders. Slow Food hat die Zusammenarbeit gefördert und öffnet Perspektiven für die ländlich geprägte Region.

Achtsamkeit für Kleinigkeiten: Walnussöl vom GeNUSShof Kienzl
Urlauber radeln zu den Produzenten, interessieren sich für ihr Handwerk und vergessen rasch, was sie bis vor Kurzem noch so gestresst hat. Die Aufmerksamkeit wird auf die Schätze der Natur gelenkt. Durch Achtsamkeit und Wissen stellt sich automatisch Genuss ein. Es schmeckt anders. Es fühlt sich anders an. Es bleiben mehr Kleinigkeiten in Erinnerung. Eine Nuss wird zu etwas Besonderem. Brigitte und Othmar Kienzl lachen. Nüsse sind ihr Ding. 140 eigene Nussbäume haben sie und pressen pro Jahr an die 500 Liter Walnussöl.

Beim Knacken hilft eine spezielle Maschine. Wer selber Nüsse hat, kann diese vorbeibringen und gegen Öl tauschen. Was die beiden immer wieder überrascht: Viele wissen gar nicht mehr, wie eine heimische Nuss aus dem Garten wirklich schmeckt. „Wir müssen doch nicht Nüsse aus Übersee importieren, wenn wir genügend vor der Haustüre haben“, finden die Kienzls. Auch sie verwenden alles von der Nuss. Aus einem Kilo Nusskerne wird ein halber Liter Öl, der Presskuchen wird zu Nussmehl gemahlen, aus den Schalen entsteht Wärme fürs Haus, grüne Nüsse werden in Alkohol eingelegt und unreife Früchte zu Marmelade verarbeitet.

Auszeit in der Stille: Stift St. Paul im Lavanttal
Ein paar Kilometer entfernt wachsen alte Heilkräuter im Hildegardium, gleich neben dem Barockgarten des Benediktinerstiftes St. Paul.

Das Kloster selbst ist ein Ort der Kraft mit kulturhistorischen Schätzen im Museum und einer beeindruckenden Bibliothek im Gewölbe.

Im Stift St. Paul kann auch der Stiftswein probiert werden.

Farbe im Glas: Wein und Tomatenraritäten aus dem Lavanttal
Der Weinbau im Lavanttal hat eine lange Tradition. Bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts gab es mehr als 300 Weingärten in der Gegend. An diese Tradition wird wieder angeknüpft – und das sehr erfolgreich. Sabine David gründete den Weinhof vulgo Ritter und pflanzte als Quereinsteigerin die ersten Weinstöcke im Streuobstgarten ihrer Großmutter. Inzwischen hat sie auch Reben am Josefsberg und freut sich über Gold-Auszeichnungen für ihre Weine.

Der erste trockene Sekt namens „Vin de Femme brut“ war schnell ausverkauft.

Bei der Weinverkostung mit Blick auf die Schafe, die als Rasenmäher fungieren, geht es gemütlich zu. Sie will nämlich weg vom versnobten Image des Weins und dem Geschmack Zeit geben, um sich zu entfalten.

Hoch oben unter dem Kasparstein schenkt Elisabeth Maier Rot nach. Allerdings ist es kein Wein, sondern Tomatensaft. Und der kann auch mal Grün, Gelb, Weiß oder Violett sein.

In ihrem Glashaus wachsen bis zu 250 verschiedene Tomaten in unterschiedlichen Farben und Formen. Sorten, die nicht im Handel erhältlich sind. Sie setzt sich für die Vielfalt ein. „Bio ist mir ein bisschen zu wenig und für manche nur eine Vermarktungsstrategie. Slow Food ist anders. Da werden auch Kleine mit ins Boot geholt“, erzählt die Pflanzenkundige.

Kaviar aus Hollerbeeren, farbenfrohes Ketchup, Marmelade mit Wildkräutern. Wanderer nehmen sich gern etwas aus ihrem Hofladen mit und genießen das Gefühl, das der Platz auslöst. Denn der Trubel der Welt scheint hier weit weg zu sein.
Um runterzukommen, heißt es rauf fahren.

Tipps fürs Lavanttal
- Genussexpedition per Rad oder Bus, auf eigene Faust oder geführte Genusstouren: www.genussexpedition.at
- Stift St. Paul: Museum mit kulturhistorischen Schätzen, Bibliothek im Gewölbe, Klosterladen und revitalisierter Barockgarten, www.stift-stpaul.at
- Museum im Lavanthaus: Museum in der Altstadt von Wolfsberg über die Geschichte der Region, www.museum-lavanthaus.at
- Grandioses Kunstmuseum: Architektonisch mit der Landschaft verschmolzen, zeitgenössische Kunst auf höchstem Niveau, www.museumliaunig.at
- Dexter-Rinder vom Jörglbauer: Tiergestützte Ergotherapie und Rindfleisch-Produkte vom Biohof mit Selbstbedienungsladen direkt beim Erzwanderweg, auch Zuchttiere. www.joerglbauer.com
- Nüsse das ganze Jahr über: Der GeNUSShof von Familie Kienzl bietet einen Hofladen mit Walnussölen, Walnussmehl, Likör uvm. Führungen mit Voranmeldung. www.walnussöl-kienzl.at
- Wanderfrühstück im Salettl: Ab Frühling bietet Elisabeth Maier auf Vorbestellung im Salettl oder unter freiem Himmel ein Frühstück für Wanderer mit selbst hergestellten Produkten. Auch Samen von Tomatenraritäten bzw. Pflänzchen gibt es bei ihr zu kaufen. Inkl. kleiner Hofladen. Telefon 0650 556 2279 oder E-Mail frl.maiers@gmx.at.
- Weinverkostungen: Rot- und Weißwein aus dem Lavanttal, Verkostungen jeden Freitag oder auf Voranmeldung, ab Hofverkauf, produziert auch trockenen Sekt, Weinhof vlg. Ritter, www.vulgoritter.at
- Austernpilze ab Hof: Familie Deinsberger baut in St. Stefan selbst Pilze an. Wer welche kaufen oder mehr darüber erfahren möchte, vorher anrufen, www.pilzgenuss.net
- Kaffee mit Ausblick: Spaziergang hinauf zum Schloss Wolfsberg mit Café und Gastgarten, www.schloss-wolfsberg.info
- Trippolt Zum Bären: Ausgezeichnetes Landrestaurant mit Alpe-Adria-Küche von Josef Trippolt und verstecktem Garten, www.zumbaeren.at
- Gasthof Hüttenwirt: direkt an der Drau beim Radweg, Kärntner Küche und auch Zimmer, www.gasthof-huettenwirt.at
- Buschenschank Lippitz: Jause mit selbst erzeugten Produkten vom familiengeführten Obst- und Weinbaubetrieb, www.lippitz.biz
- Lavanttaler Spezialitäten: 70 Produzenten aus der Region stellen ihre Ware im Haus der Region in Wolfsberg aus, dort kann auch verkostet und gekauft werden, Mo–Fr 9 bis 19 Uhr, Sa 9–17 Uhr, www.hausderregion.at

Hotelburgen sucht man im Lavanttal vergebens, stattdessen gibt es Urlaub am Bauernhof, Pensionen, Hütten, Campingplätze und Ferienwohnungen.
- Modernes Stadthotel: direkt in Wolfsberg mit Restaurant und Konditorei, www.hecher.at
- Hotel Moselebauer: Wellnesshotel abseits vom Schuss, umgeben von viel Grün, www.moselebauer.at
- Urig in der Mühle: Kleines, aber feines Hotel in Reichenfels, www.diemuehle10.at
- Schloss Lichtengraben: für Romantiker, mit Bio-Landwirtschaft und eigenem Fischteich und hervorragenden Räucherfischen, www.schloss-lichtengraben.at
- Kurzurlaub im Kloster: www.kloesterreich.at

Wandern im Lavanttal
- Lavanttaler Höhenweg: 9 Tagesetappen, Start und Ziel in Lavamünd, Gesamtlänge 163,3 km
- Benediktweg: führt vom Stift St. Paul im Lavanttal bis zum ehemaligen slowenischen Benediktinerkloster Gornji Grad, www.pilgerwege-kaernten.at
- Erzwanderweg: Auf den Wegen der alten Bergknappen von Frantschach nach St. Gertraud, rund 13 km
- Panoramaweg Südalpen: besonders ruhig und aussichtsreich sind die Etappen von Bad Eisenkappel über Lavamünd bis zum Zirbitzkogel, insgesamt 20 Etappen, 286 km, www.panoramaweg.at

Radfahren und Paddeln im Lavanttal
- Radurlaub im Lavanttal: entlang dem Lavantradweg R10 als Teil der Via Carinzia, individuelle Reisen mit Shuttleservice, Kurzurlaubspakete: alps2adria.info
- Meditatives Paddeln auf der Drau: Mit dem Kanu, Kajak oder SUP entlang des Drau Paddelweges vom Völkermarkter Stausee bis nach Lavamünd, www.draupaddelweg.com
Weitere Informationen: www.region-lavanttal.at, www.slowfood-kaernten.com

Wissen: Was ist Slow Food?
Slow Food ist die weltweit größte Bewegung für bewusste Esskultur und nachhaltige Lebensmittelproduktion. Gegründet wurde diese von Carlo Petrini in Italien – ursprünglich als Gegenbewegung zu Fast Food. Slow Food soll Genuss und Verantwortung vereinen. Kärnten engagiert sich besonders in der Slow Food Bewegung und entwickelt dazu unterschiedliche Projekte: Slow Food Travel Regionen binden den Tourismus stark ein, Slow Food Villages stärken Dorfgemeinschaften und gutes Leben am Land.

Häufige Fragen: Slow Food im Lavanttal
Was ist die Slow Food Travel Region Lavanttal? Das Lavanttal im Osten Kärntens ist seit 2020 Slow Food Travel Region. Auf Genussexpeditionen per Rad, Bus oder auf eigene Faust besuchst du Produzenten, Hofläden und Selbstbedienungshütten.
Was sind Dexter-Rinder? Die kleinste Rinderrasse Europas, mit einem Stockmaß von einem bis eineinhalb Meter. Im Lavanttal werden sie unter anderem am Biohof Jörglbauer gezüchtet und nach der from-nose-to-tail-Philosophie verarbeitet.
Wo kann ich Lavanttaler Spezialitäten kaufen? Im Haus der Region in Wolfsberg stellen 70 Produzenten ihre Ware aus. Dazu kommen zahlreiche Hofläden und Selbstbedienungshütten direkt bei den Bauernhöfen.
Wie komme ich ins Lavanttal? Am besten geht das jetzt mit der Koralmbahn.



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